Buchtipp: Das große Buch

Franz Hohler sagte mir nichts. Ich habe ein Buch für den Knilch bestellt, um ein Nikolausgeschenk zu haben und „Das große Buch“ klang mir so sympathisch. Es ist übrigens eines der Bücher, die ich nicht wegen der Illustrationen gekauft habe. Wegen der Bebilderung hätte ich es mir wirklich nicht zugelegt, ganz ehrlich, die gefällt mir nicht. Was mir gefallen hat war die Überfülle der Geschichten in diesem Buch – sozusagen „Kaufe eins und kriege ganz viele dazu“. Bei Büchern ist das nicht Geiz, sondern rationell gedacht: so viel Platz ist nicht mehr in den Regalen und ein Buch nimmt weniger weg als viele.

Nun, ja, nun. Ich habe bestellt und es wurde recht schnell – noch vor dem Geburtstag – geliefert, lag aber dafür noch ein paar Wochen hier herum. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er es zum Geburtstag oder zum Nikolaus überreicht bekommen sollte und dachte mir, daß ich dann ja wenigstens was zum Nikolaus hätte. Und so kam es dann auch.

Am Abend des Nikolaustages kam es zum ersten Vorlesen. Nun. Was soll ich sagen. Mir gefiel es auf den ersten Blick ein Buch zu haben, dessen Autor in der Lage ist, die korrekte Form der indirekten Rede zu verwenden. Zu einer Zeit, wo schon „Rechtschreibung“ allgemein ein Schimpfwort zu sein scheint, ist das wirklich bemerkenswert. Zu Zeiten der alten Römer wäre es das selbstverständlich nicht, aber hier und jetzt. Die Geschichten sind kurz bis sehr kurz. Die längste ist vielleicht vier, fünf Seiten lang. Alles in allem haben alle eine angenehme Länge zum Vorlesen: ein bißchen mehr, wenn das Kind nicht so müde ist, ein bißchen weniger, wenn das Kind müde ist. Und wenn es noch eine mehr verlangt, macht es auch nichts.

Die Illustrationen gefallen mir nicht. Die sind duster und, naja, mir gefallen sie nicht, aber es sind auch nicht allzu viele davon im Buch. Jede Geschichte hat eine bekommen. Das mußte reichen. Basta. Mehr braucht es auch nicht.

Jetzt wollen Sie wissen, wie die Geschichten waren, nicht wahr? Überschriften wie „Das Wunder im Schlachthof“ oder „Das tote Kaninchen“ oder auch „Die feindlichen Schrauben“ lassen ein wenig an dem Buch und an der geistigen Gesundheit dessen, der uns das Buch als Kinderbuch unterschieben wollte, zweifeln.

Ein. wenig. Merkwürdig.

So erschien es mir. Und der Eindruck bestätigte sich. Die Geschichten sind extrem schräg, anders kann ich es nicht nennen. Da werden Gegenstände zu Protagonisten erhoben, die normalerweise keiner Geschichte wert wären: Misthaufen, ein Stück Wald, eine unfähige Zauberschachtel, ein Kamin, eine Lawine, ein Granitblock, Schrauben…soll ich weiter aufzählen? Das nenne ich wahrhaftes demokratisches Denken, auch den Dingen eine Geschichte zu widmen, die normalerweise zu alltäglich sind, um sie überhaupt zu bemerken.

Es wird auch viel gestorben in dem Buch. Der Autor kennt keinerlei Scheu, seine Protagonisten und alle, die um diese herum sind, tot umfallen zu lassen. Aber das ist nun mal so im Leben, was soll man machen? Politsche Korrektheit wird überbewertet und Kinder haben eigentlich auch gar nicht so eine zartbesaitete Natur wie man meinen könnte. Nein, Kinder sind blutrünstig, sie wollen rotes Blut fließen sehen in den Geschichten. Der Prinz mit der Panzerfaust war auch eine der Geschichten, die meinen Knilch sehr angesprochen haben. Oder die, wo Frau Kieser den Herrn Stark aus Wut aufgefressen hat. Die fand er lustig. Aber nicht, daß Sie jetzt einen falschen Eindruck erhalten, das Buch, die Geschichten sind nicht blutrünstig, keineswegs. Das Totwerden ist nun mal eine Sache, die zum Leben dazu gehört und wieso sollte man das ausklammern? Aber ganz ehrlich: in den alten Märchen werden ja auch Wölfe abgeknallt oder hungrige arme alte Hexen in den Ofen geschoben. Wieso also sollte nicht auch ein mal Gärtner oder eine Prinzessin abstürzen dürfen?

Seine Lieblingsgeschichten sind eigentlich auch  gar nicht blutrünstig. Eine seiner Lieblingsgeschichten ist die mit der dummen Lawine. Oder die, die erklärt, wie die Berge in die Schweiz kamen oder die, wo Sarah mit der Spaghettipackungsfrau in das Land der Spaghetti reist oder…insgesamt sind die Geschichten skurril und faszinierend. Sie sind so phantasievoll neben dem Durchschnitt, daß man sie vorliest, verblüfft innehält und entzückt anfängt zu lachen, weil es Geschichten sind, die man beim besten Willen nicht erwartet. Und direkt die nächste Geschichte lesen will, um zu sehen, ob diese genau so verblüffend bezaubernd ist – trotz der alltäglichen Gegenstände, die dort die Hauptrolle spielen. Die Geschichten sind auch keineswegs sinnlos, sondern es findet sich ein feiner, hintersinniger Humor, eine Freude am Geschichten erzählen und noch dazu eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Mainstream, die den ersten Eindruck bestätigt: Sympathisch.

Das große Buch ist eine Perle, eine echte Empfehlung und ich glaube, das gilt auch für andere Bücher des Autors. Ich glaube, das war nicht das letzte Buch von ihm, das hier im Haushalt gelandet ist.

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Ich bin ausgebildete Verlagskauffrau, promovierte Kunsthistorikerin und inzwischen als Food- und Landschaftsfotografin bei mehreren internationalen Agenturen tätig. Ich habe mich der Fotografie gewidmet, weil kreatives Arbeiten unglaublich wichtig für mich ist und ich keinen Job ertragen könnte, bei dem ich von acht bis fünf am Schreibtisch sitze.

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