Entschleunigung? Bitte?

Irgendwie merke ich langsam, daß ich älter werde. So richtig. gerade mal 38 und ich komme nicht mehr mit der Welt klar.

Zum Beispiel irritiert mich dieser unglaubliche Eifon und Eipäd-Hype.  Ich gucke mir das an und frage mich, wozu um Himmels willen ich etwas derartiges brauchen sollte. Ein Eifon – wozu denn bitte? Richtig telefonieren kann man damit doch gar nicht mehr. Mir reicht es schon, wenn ich das sogenannte Smartphone meines Mannes in die Hand nehmen muß. Ich verzweifle, wenn ich wen anrufen muß, ich gebe auf, wenn ich eine SMS schicken soll. Oder diese Lesegeräte? Was ist denn falsch an Büchern? Wieso um alles in der Welt sollte ich mir freiwillig etwas zulegen, was mich Nerven kostet, Konzentration und vor allem Zeit? Mein olles Handy ist ja schon mehr als ich brauche. Seit zehn Jahrne laufe ich mit Handy herum und verabscheue es immer noch, dieses Teil.

Über die vielen umwelttechnischen und sozialen Bedenken rede ich ja noch nicht mal. Denn wenn ich schon so ein Dingens habe – wozu dann alle halbe Jahre ein Neues? Wenn es nicht mal kaputt ist? Neue Technik soll besser sein? So jedenfalls brüllt es mir aus der Flimmerkiste entgegen. Mag ja sein, aber…wozu? Wozu soll ich denn immer neues Spielzeug kaufen? Schön billig ist es ja, aber ich frage mich, wann wir den Preis dafür zahlen werden? Wer redet uns denn ein, daß wir das Zeug brauchen? Immer mehr davon? Es macht uns doch nicht glücklicher?

 

Dann diese unglaubliche Verkomplizierung des Bankings. Ich brauche einen Minicomputer, um eine Überweisung zu machen. Sicher, es ist einfach toll, daß ich nicht mehr zur Bank muß, sondern Tag und Nacht alles von zu Hause machen kann, aber früher war es einfacher, da konnte ich fragen? Gilt auch für alles andere. Wofür eine Kaffeemaschine, die ich programmieren muß. Ich will Kaffee. Punkt. Keinen waschmaschinengroßen, häßlichen Vollautomaten, der mir eine kaffeeähnliche Brühe serviert (wir wissen ja wohl alle, was Arthur Dent damit angerichtet hat, ja? Da kann ja nix Gutes bei rauskommen!), – und ja, ich habe sie bei einer Freundin probiert, diese Brühe – ewig lange braucht, bis man das Dings saubergemacht hat und bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten anfängt herumzuzicken. Und dabei wahrscheinlich noch vollkommen überflüssigen Müll in Form von Kapseln produziert. Kaffee. Geht auch ohne Computer. Und schmeckt besser. Kaffee, den ich selbstbestimmen kann – Marke, Menge, Brühzeit. Ich brauche dafür keinen Computer.

Oder neulich, ein Besuch in der neuen Superbücherei in Stuttgart, die gerade umgezogen ist. Ungünstig ist das, wenn man zufälligerweise Landes- und Stadtbibliothek mit einem Besuch verehren will, denn ging das vorher noch innerhalb von zwei Minuten, da fast nebeneinander gelegen, muß ich dafür jetzt eine halbe Stunde Fahrtzeit in Kauf nehmen. Unten in der Bücherei neue Schließfächer, die mich endgültig an den Verstand dieser Welt zweifeln lassen. Ich muß die erst programmieren, bevor ich die benutzen kann! Was zum Kuckuck ist falsch an Schlüsseln?

Und so weiter. Ich verzweifle, da ich den Sinn des Ganzen nicht sehe. Technologische Aufrüstung – und wo bleibt denn der Mensch? Die Frage ist auch, wie wir uns gegenseitig behandeln, wie wir uns als Menschen sehen, was wir mit der Welt machen – wenn unsere Kinder so mit ihrem Spielzeug umgehen, werden sie ausgeschimpft. In der Wirtschaft bezeichnet man das als „Erfolg“ und „Optimierung“. Ich sehe immer mehr, daß wir nicht nur funktionieren sollen wie Maschinen, wir behandeln uns auch gegenseitig so. Ich stehe vor dieser Welt und verstehe sie nicht. Ich bin 38. Ich frage mich, wo ich in zwanzig Jahren stecken werde. Baudelaire und seine Generation haben übrigens schon vor fast 150 Jahren so etwas vorhergesehen – die Welt gehört den Kaufleuten und Materialisten und alles andere geht den Bach runter.

Und manchmal, und dieses manchmal kommt immer öfter, resigniere ich. Ich schließe meine Klappen, lasse die Welt sinnlos herumspinnen und ignoriere alles, was um mich herum ist. Der Wahnsinn. Das 21. Jahrhundert. Das reinste Irrenhaus. Irgendwo die falsche Abzweigung erwischt.

So, jetzt aber genug der Meckerei. Ich glaube, ich gehe jetzt besser ins Bett. Vielleicht gelingt es mir ja irgendwann, mich aufzuraffen und darüber zu schreiben. Wäre interessant zu wissen, was ich schreiben würde.

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Ich bin ausgebildete Verlagskauffrau, promovierte Kunsthistorikerin und inzwischen als Food- und Landschaftsfotografin bei mehreren internationalen Agenturen tätig. Ich habe mich der Fotografie gewidmet, weil kreatives Arbeiten unglaublich wichtig für mich ist und ich keinen Job ertragen könnte, bei dem ich von acht bis fünf am Schreibtisch sitze.

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