Das neue Heim

Ich habe bisher gar nciht darüber berichtet, sondern mich hier und da auf Andeutungen beschränkt. Aber es ist ziemlich amtlich: wir ziehen – mal wieder – um. Das neue Heim sah ja auf den Makerfotos verlockend aus. Hexenausähnlich. Der Eingang überwuchert von Rosenranken, ein Messingtürklopfer wartete auf Besucher. Romantisch verwinkelte Räume, steile Stiegen, Gewölbekeller, offene Balken zwischendrin, schiefe Wände und Böden. Keine Rauhfaser. Nirgendwo. Unwiderstehlich. Es war ein Krampf, doch nun ist es unser, das neue Heim.

Jetzt haben wir den Schlüssel. Als wir die neue Tür – ohne Türklopfer, den haben die Vorbesitzer mitgenommen – geöffnet haben, kam die Ernüchterung. Haben wir das Richtige gemacht? Oder einen riesigen, dummen Fehler? Als wir durch die Räume gegangen sind, haben wir weniger das neue Heim gesehen als vielmehr die Folgen einer jahrelangen, liebevollen Vernachlässigung. Kurz: es sah schrecklich aus, so ganz kahl, ohne Möbel, zerkratzte Türrahmen, abblätternde Farbe, dreckige Stellen an den Wänden. Katzenhaare. Überall Katzenhaare. Das Schlafzimmer ein ägyptischer Alptraum. Die Badezimmer…

Ernüchterung pur, doch wir werden uns nicht unterkriegen lassen, denn wir sind trotz allem glücklich darüber. Mit jedem Tag wächst die Verliebtheit in unser uraltes Hexenhaus und die Ungeduld, endlich einziehen zu dürfen.

Inzwischen sind wir mit Schleifmaschinen jeglicher Couleur eingedeckt: Angefangen von der großen Walzenschleifmaschine für unsere Dielenböden bis hin zur Mini-Allzweckwaffe gegen altes Holz in versteckten Ecken. Aber mit Schleifen und Walzen fängt die Arbeit leider nicht an, sondern mit der Vorbereitung. Und nun sind wir noch ernüchterter, bzw. belustigt. Der König der Heimwerker hat in unseren Räumen gehaust und dort scheinbar für seine Lehre geübt. Wir stehen nun nicht nur den Folgen der Vernachlässigung gegenüber, sondern auch den Folgen der unglaublichen heimwerkerischen Unfähigkeit des Vorbewohners.

Eine Glanzleistung, wie die Fußleisten angebracht waren. Sie waren geschraubt. Ohne Dübel, direkt in die Wand rein. Mit unterschiedlich großen Second-Hand-Schrauben, deren Schraubköpfe so abgenutzt waren, dass sie sich nicht wieder entfernen lassen wollten. Oder man hat einfach einen „Paßt-Schon“-Schraubendreher verendet, der die Schrauben ruiniert hat, ist ja auch egal, was es kaputt gemacht hat, oder? Aber man kann Fußleisten ja auch anders anbringen. Man kann sie auch nageln. Nageln und Schrauben. Nageln und kleben. Schrauben und mit Kitt befestigen. Nageln, schrauben, kitten. Kleben und schrauben. In beliebiger Kombination, denn es muss ja auch halten – Fußleisten müssen Tonnengewichte aushalten. In diesem Haus jedenfalls. Im Wohnzimmer sind das Kind und ich den Dingern mit Brachialgewalt – Hammer und Meißel – zu Leibe gerückt, bloß um dort festzustellen, dass der Vorbewohner zumindest hier Vernunft gezeigt hat. Hier gab es Schiebeleisten, die über Halter geschoben werden. Bis wir das erkannt haben, war die erste auch schon in Stücken. Das Kind war glücklich, denn es konnte seinem Urtrieb, der Zerstörungswut, hier ungehemmten Lauf lassen. Er hat Fußleisten herausgerissen, gerupft und gemeißelt, dass es eine Freude war. Hauptsächlich darüber, dass die Wand anschließend noch stand…

Schön auch, dass man es nicht für Notwendig gehalten hat, beim Streichen abzukleben. Und man kann ja nicht einfach weiße Farbe verwenden, nein! Orange, blau oder sonst irgendwas musste es sein, was da auf den Türrahmen, Lichtschaltern, Fußleisten, Treppengeländer getropft und gepinselt ist. Beim Schleifen sind die Heizkörper aus den Halterungen gehüpft.

Wie gesagt, bei so  viel Unfähigkeit wußten wir nicht, ob wir weinen oder lachen sollten. Was uns das aber beigebracht hat, war eines: Arbeite sorgfältig, sonst hat man später doppelte Arbeit, diese Schlamperei zu beseitigen. Abkleben. Abmessen. Bohren. Dübeln. Und daran denken: irgendwann werden wir wieder schleifen müssen.

Lieber Vorbewohner: Möge der Heimwerkergott deine Ohren an die Fußleisten nageln, auf dass du es für immer lernst: Nageln ODER schrauben.

Egal, das kriegen wir auch noch hin. Hier noch ein paar Bilder.

Hier das Wohnzimmer

Mein Arbeitszimmer. In Bearbeitung.

Kinderzimmer, mit Nische. An der Tür sind noch uralte Beschläge, die wir auf jeden Fall dran lassen wollen.

Der Flur im zweiten Stock, in Bearbeitung.  Call me Queen of Schleifmaschine.

Badezimmer, griechischer Stil. Ich liebe die Dusche. Über die Delphine streiten der Mann und ich. Ich denke, die Säulen (s. Foto oben) bleiben, die Delphine kommen weg.

Küche und Eßzimmer. Ich liebe die Küche – Endlich PLATZ satt! Und das Eßzimmer sowieso.

 

 

 

Kategorie Allgemein

Ich bin ausgebildete Verlagskauffrau, promovierte Kunsthistorikerin und inzwischen als Food- und Landschaftsfotografin bei mehreren internationalen Agenturen tätig. Ich habe mich der Fotografie gewidmet, weil kreatives Arbeiten unglaublich wichtig für mich ist und ich keinen Job ertragen könnte, bei dem ich von acht bis fünf am Schreibtisch sitze.

10 Kommentare

  1. Sind die Wandbilder alle vom Vorbesitzer gemalt? Das ist ja spannend. Ich würde die Bilder unbedingt dran lassen. Unser Vorbesitzer zog in eine frisch geweißelte Wohnung, belegte alle Wände mit einer Schwämmchen-Technik und zog nach 1 Jahr wieder aus. Bei Einzug legte ich Wert darauf, dass ich nicht weiß, sondern nur überstreichbar übergebe. Wir „mussten“ alles erneut streichen. Leider, leider gibt es noch eine Decke, an der wir das Abklebeband noch nicht vollständig entfernt haben. Allerdings haben wir welches benutzt. Vor 6 Jahren.

    Viel Spaß. Ich möchte keineswegs tauschen. Aber irgendwann wird man ja belohnt.

    LG, „Ubakel“

    • Ne, die Bilder kommen weg. Ich könnte so nicht schlafen. Alles andere: es macht ja Spaß und wir wissen, wofür wir es machen. Unglücklicherweise werden wir hier in der Wohnung bei Auszug ebenfalls renovieren müssen. Darauf habe ich keinen Bock. *seufz*

  2. Wann kann ich vorbeikommen? (Nicht zum Helfen *hüstel* Du kennst ja unser Haus … miomarito überlegt jetzt doch zu dämmen … dabei gehört es uns ja nicht mal)

    • Also: jederzeit. Kommt drauf an, was du willst. Wenn ihr uns besuchen wollt – immer wieder gerne. Wenn ihr Haus gucken wollt, dann auch jederzeit oder nach dem Einzug im Dezember. 🙂
      Lass und doch emailen.

  3. Also bis auf die Wandgemälde im Schlafzimmer, finde ich das Haus einen Traum; insbesondere das viele Holz bzw. die Balken. Klar die Arbeit hattet ihr.
    Bekommen wir dann auch mal das Endergebnis zu sehen?
    So schlimm wie Jana finde ich die Küchenmöbel gar nicht. Ich hätte sie mir nicht unbedingt ausgesucht, aber wenn sie ienmal da ist.

    • Ja klar poste ich Fotos, wenn es fertig ist. Was meinst du, wie es dann aussehen wird 🙂
      Und das Wandgemälde finde ich zwar auch furchtbar und das kommt definitiv (irgendwie?) weg, aber auf der anderen Seite finde ich es toll, denn die Vorbewohnerin hat sich hier echt Mühe gegeben. Das muss Tage gedauert haben. Die beiden haben jahrelang in Ägypten gewohnt, da kann man das Styling schon ein wenig verstehen.

  4. Ja ich finde auch das sieht schon ziemlich gemütlich aus. Aber glaube mal jede leere Wohnung sieht furchtbar aus. Die Spuren der Vorbewohner sind überall.
    Wir hatten noch die alten Teppichböden drin und wenn da der zukünftige Eigentümer drunter schaut, ich möchte nicht tauschen. Aber gegen unser altes Haus sieht Eures wirklich schon gut aus. Bei uns wäre es nicht mit Schleifen und Malern getan, Kernsanierung wäre angesagt, also kein Vergleich. Wir drücken Euch die Daumen, das es keine weiteren Überraschungen gibt und alles so wird, wie Ihr es Euch wünscht.

    • Nein, was wir gesehen hatten, war in Ordnung, es sind wirklich eher die Schönheitsreparaturen, die anfallen. Zum Glück. Wir wollten ein altes Haus, aber Kernsanierung hätten wir uns nicht angetan. Und ich denke, dass auch unsere jetzige Wohnung nach dem Auszug furchtbar aussehen wird, ganz klar. Das sind alles Abnutzungsspuren, die sich ansammeln und die man nicht sieht. Aber die stümperhafte Renovierung – das hat mich ein wenig geärgert, da es für uns jetzt mehr Arbeit bedeutet. Zwei Tage allein für das Abreißen der Fußleisten sind einfach zu viel.

  5. Selbst jetzt auf den kahlen Bildern sehe ich, wie wunderschön das werden wird. Das viele Holz, die schönen Fenster… nur die Küchenmöbel. Ehrlich, das geht gar nicht. Ich liebe Küchen und die ist eindeutige Abstammung Gelsenkirchener Barock mit grauer Arbeitsplatte…

    • Nun ja, die Küche ist drin und sie ist groß. Es gibt Schlimmeres. Viel, viel Schlimmeres! Sie wird irgendwann ersetzt, aber das hat jetzt nicht oberste Priorität, der Kellerboden muss gelegt werden, die Fenster müssen gemacht werden, die Badezimmer…die Küche ist funktionsfähig und sieht nicht sooo schlimm aus. Daher bleibt sie erst einmal für die nächsten paar Jahre. Es ist nicht die beste Küche, da die Vorbewohner einfach nicht das Geld hatten – das sieht man an allen Ecken und Enden. Die Frau hat mir erzählt, was sie mitgemacht hat und ich kann es verstehen, dass da das Haus vernachlässigt wurde.
      Aber alles andere, nicht wahr? Wunderhübsch. Nach dem ersten Schleifen der Böden sah es auch schon deutlich besser aus. Ich freu mich schon so auf den Einzug. (Merke: ich habe nicht gesagt: Umzug…)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.