Besser Bio?

Vor ein paar Tagen habe ich mich über „Bio“ geärgert und ein ärgerliches Posting geschrieben. Also, es ging darum, dass ich naiv bin: ich war der ehrlichen Meinung, dass Bio etwas ist, das ernst genommen wird, etwas, das die Welt ein ganz kleines bißchen besser macht. Bio – das ist für mich das glückliche Huhn, die Kuh auf der Weide, das Schwein im Matsch, die Kartoffeln auf dem Felde. Pestizidfrei und – naja, heile Welt halt. Wie ich sie in meiner Kindheit gesehen habe: Ich bin zwar nicht auf dem Lande aufgewachsen, doch Oma hatte nebenan einen Bauernhof, wo ich die Tiere hautnah miterleben konnte. Ich durfte die Schweine besuchen, habe zugesehen, wie die Kühe gemolken werden und bin in Hühnerkaka nahe am Misthaufen getrampelt. Die Milch haben wir dann gleich in einer Kanne mitgenommen. Zwar war damals auch nicht alles eitel Sonnenschein was Landwirtschaft anging, doch mir kam es wie ein Idyll vor. Und das stelle ich mir vor, wenn ich an „Bio“ denke.

Die ersten Zweifel kamen auf, als ich einen Bio-Bauern in unserer Nähe besuchte, um Erdbeeren zu pflücken – die waren übrigens glücklich. Auch die Johannisbeeren und der Salat waren von freilaufenden Bauern gezogen. Lecker. Aber was hatten die Kühe im Stall zu suchen? Sollten die nicht auf der Weide muhen? Bei meinen Besuchen waren die Kühe immer im Stall und hatten, na…sagen wir, ca. 15 qm Auslauf draußen im Hof. Tolles Bio. Mein Mann blickte mich mitleidig an und sagte mir, dass Bio eben nicht „glückliche Kühe“ bedeutet, sondern, dass die ein wenig mehr Auslauf haben und mit Biofutter vollgefüttert werden. Nun bin ich auch keine wilde Verfechertin, was „Bio“ angeht. Mein Gemüse kommt ganz konventionell aus dem Supermarkt oder, wenn ich es schaffe, vom Wochenmarkt. Obwohl ich den am neuen Wohnort zugegebenermaßen nicht sonderlich attraktiv finde.

Worauf es mir ankommt ist die faire Tierhaltung. Ich will kein Fleisch von gequälten Tieren essen, keine Eier von durch Überbevölkerung verrückt gewordenen Hühnern und keine Milch von Kühen, die 24 Stunden am Tag im Stall angebunden sind. Dafür bezahle ich nicht, wenn ich „Bio“ kaufe. Doch wie ich feststellen musste, ist die Welt der Bio-Tiere kein bißchen besser als die Welt der konventionell gehaltenen Tiere – naiv. Schließlich ist Bio ein Riesengeschäft. Nun, auch in Bio-Haltung werden zu viele Hühner in zu engen Ställen gehalten. Auch hier werden die Schnäbel beschnitten und es kommt zum Federpicken. Auch hier haben sie keinen Auslauf. Auch in Bio-Haltung muss die Kuh nicht zwangsläufig auf der Wiese stehen. Den Schweinen geht es in Bio-Haltung zum Teil sogar noch schlechter als ihren konventionellen Artgenossen. Die „Bio“-Definition wurde von der Gesetzgebung so weit gedehnt, dass man kaum noch von Bio reden kann.

Traurig ist, dass der Bio-Gedanke auf diese Weise komplett unglaubwürdig wird. Wer Bio lebt, will seine Welt ein wenig schöner und besser machen. Hoffnungsloses Gutmenschentum? Mag sein. Doch was er sicher nicht will ist, die  Profite von Konzernen und industriellen Großmästereien zu mehren. Das ist doch hier der eigentliche Betrug, nicht die falsch gelabelten Eier. Der Gesetzgeber hat die laschen Regelungen auf Lobbydruck erlassen und kein Wunder, dass das schamlos ausgenutzt wird.

Ich hasse es, dass jeder Einkauf, jeder Bissen durch so etwas zur Gewissensfrage wird: Kann ich das Fleisch essen oder hat die Kuh gelitten? Sollte ich den Kakao trinken? Da haben doch garantiert kleine Kinder auf den Plantagen gearbeteitet. Die Eier? Sind die wirklich von glücklichen Hühnern? Und so weiter. Schlechtes Gewissen, weil ich wieder nachgegeben habe und dem Kind seinen Joghurt gekauft habe. Schimpfen, weil der Mann schon wieder diesen abgepackten Aufschnitt-Mist aus der Kühltheke angeschleppt hat. Und so weiter.

Daher habe ich mich am Wochenende umgeschaut. Ich weiß, dass es das Beste und Ehrlichste wäre, nun ganz auf tierische Produkte zu verzichten – doch das würde ich nicht durchhalten. Fleischlos – ja, ich denke nicht, dass das zum Problem wird. Aber die Milch im Kaffee, der Käse, die Eier? Das würde ich nicht lange mitmachen ohne Heißhunger zu bekommen. Konsequenz gehört eh nicht zu meinen stärksten Seiten.

Glücklicherweise habe ich nach kurzer Suche einen Hofladen gefunden, der Eier von eigenen Hühnern verkauft. So frische Eier habe ich sonst nur selten bekommen und die Hühner sind in der Tat glücklich. Habe ich selber gesehen. Mehr als 20 gibt es dort gar nicht. Ob Bio oder nicht, interessiert mich dabei weniger. Hauptsache glücklich. Die Milch kann ich ebenfalls nachverfolgen: Es gibt einen Milchbauern in der Gegend, der glückliche Kühe hat. Ja, hochgezüchtete Kühe, das ist richtig, doch er geht gut mit seinen Tieren um – immerhin handelt es sich bei Bauernhöfen immer noch um Wirtschaftsbetriebe, das sollte man bei aller Bioseligkeit nicht vergessen. Er macht den Frischkäse selbst, hat eine Käserei und überhaupt – und mir das wirklich so weh, wenn ich für meine drei Liter Milch pro Woche statt für 99 Cent für 1,50 Euro kaufe?

Ich fürchte, das wird zur Notwendigkeit: sich nicht auf irgendwelche Labels verlassen, sondern regional bei heimischen Bauernhöfen kaufen, um möglichst nicht übers Ohr gehauen zu werden. So, ich denke, das wars, was ich im Großen und Ganzen sagen wollte.

Ach ja, Quellen, das kann ich ja schließlich schlecht im Raum stehen lassen:

www.bio-wahrheit.de (okay, ich gebe zu, das ist keine objektive Seite)

www.selbst-wenn.de

albert-schweitzer-stiftung.de

PDF Richtlinien www.bioland.de  (ich beziehe mich hier auf Seiten 12-16, Auslauf für Kühe und Hühner)

 

Kategorie Allgemein

Ich bin ausgebildete Verlagskauffrau, promovierte Kunsthistorikerin und inzwischen als Food- und Landschaftsfotografin bei mehreren internationalen Agenturen tätig. Ich habe mich der Fotografie gewidmet, weil kreatives Arbeiten unglaublich wichtig für mich ist und ich keinen Job ertragen könnte, bei dem ich von acht bis fünf am Schreibtisch sitze.

4 Kommentare

  1. mir erscheint bio schon lange als ein überteuertes marketing-instrument, das irgendwann aus dem ruder gelaufen ist. im übrigen sehe ich auch gar nicht ein, warum ich für glückliches essen mehr bezahlen soll. nicht falsch verstehen – ich mag es den bauern gönnen. aber sie sind in der regel nicht die, die von all dem profitieren, im gegenteil. ausserdem denke ich auch, dass bio teilweise zu strenge vorschriften hat, in der schweiz wenigstens. ich kenne eine alm, wo die kühe den ganzen sommer lang total glücklich sind, fernab von allem, aber da wächst ein gebüsch, dass sich rasend schnell verbreitet, wenn man es nicht mit pestiziden bekämpft, und deshalb dürfen die kühe, die da drum lungern, aber nicht unbedingt essen, kein bio-fleisch sein. das find ich echt krank. genauso wie die kosten für den umbau von ställen, wenn es um ein paar wenige meter geht – in der schweiz zahlt das der schweizer indirekt mit den steuern, diesen umbau. und andererseits: wir haben hier ein erdbeerfeld, das auch nicht bio ist. aber wir gehen trotzdem. weil es spass macht. ich finde grundsätzlich, dass man viel mehr auf regional und vor allem, das fällt uns ja besonders schwer, auf saisonal schauen sollte. wenn man darauf achtet, dann ist bio auch nicht mehr teuer, sondern wegen saisonal eh im überfluss vorhanden und drum von natur aus billig.
    ja, so würde ich die welt verändern. 🙂

    • Ich glaube, das ist hier ein wenig schräg rübergekommen, ich sehe das genauso wie du. Ich habe letztens mit einer Bäuerin gesprochen, die Eier auf dem Markt verkauft und mir erzählt hat, dass sie sich dieses Zertifikat nicht leisten kann. Mir ist es relativ egal, ob es tatsächlich Bio ist oder nicht, wichtig finde ich nur, dass die Tiere anständig gehalten werden, nicht mit Medikamenten und Steroiden vollgestopft werden und auch, dass das Gemüse nicht aus irgendwelchen überdüngten Feldern in China oder Ägypten kommt – das widerspricht jedem gesunden Menschenverstand. Bio-Zertifikate für ägyptische Kartoffeln oder Tomaten sind der reinste Wahnsinn, weil die Wasserressourcen begrenzt sind – was ist daran noch Bio? Nur weil die Schädlinge nicht in der Region auftreten? Regional und Saisonal, das ist das Beste, was man machen kann, da stimme ich dir zu. Und ich liebe es, wenn ich mit den Leuten sprechen kann, die das alles herstellen.

  2. Hallo Susan,
    Du sprichst mir aus der (Verbraucher/Konsumenten)Seele!
    Leider habe ich bisher in der näheren Umgebung noch keinen Hofladen gefunden. Vor allem keinen, bei dem ich nicht den Eindruck habe, direkt und unmittelbar das (Über)Leben des Familienbetriebes zu finanzieren. Ich habe festgestellt, dass manches wirklich allein wegen des Bio-Siegels total überteuert verkauft wird. Als ob Preis und Qualität immer in direktem Zusammenhang stehen würden. Das stimmt nämlich so auch nicht.
    Und ja, wir sogenannte Endverbraucher werden grundsätzlich „übers Ohr gehauen“, aber ich bin froh, wenn ich mir wenigstens aussuchen kann, von wem! 😉
    Einen angenehmen Dienstag und liebe Grüße aus einem total verschneiten Rheinland-Pfalz
    moni

    • Den Eindruck habe ich auch oft – dass das Bio-Siegel ein Freibrief zum Gelddrucken ist. Hier im Ort gibt es z.B. den Bio-Supermarkt, der z.T. ziemlich überteuert erscheint. Es ist halt chick, dort einkaufen zu gehen. Zum Glück wohnen wir in einer eher ländlichen Gegend, hier wimmelt es geradezu von Hofläden. Und der, den ich entdeckt habe, war wirklich ein winzig kleiner Laden, wo hauptsächlich die eigenen Erzeugnisse (Äpfel, Kartoffeln, Eier, ein bißchen Gemüse) verkauft wurden. Bei den Eiern hat es sich auf alle Fälel gelohnt, denn so gute und frische Eier habe ich selten bekommen – Bio-Eier von glücklichen Hühnern sind nämlich viel leckerer als die hochgezüchteten Power-Eier aus der Batterie. Wer die mal probiert hat, weiß das.
      Und ich stimme dir zu: Wenn ich schon übers Ohr gehauen werde, dann wenigstens von demjenigen, den ich mir aussuche 😉
      Hier schneit es nicht, hier ist es nur ekelhaft. Viele Grüße zurück.

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