Der liebe Weißabgleich

Weißabgleich scheint ja unter enthusiastischen Fotografen ein absolut unbeliebtes Thema zu sein. Aber um ganz ehrlich zu sein: Bie mir auch. Ich überlasse diesen am liebsten ganz der Kamera, die auf Weißautomatik gestellt ist. Diese Tüddelei mit dem Kelvi, der manuelle Weißabgleich oder auch die Auswahl der Voreinstellungen nervt. Ein bisschen. Nur wenn es zu extrem ist, dann drehe ich am Rädchen und bemühe mich. Eine Ausnahmesituation ist z.B. der Schnee oder ein sehr helles Setup, da greift der automatische Weißabgleich nicht besonders gut.

Dass dann am Ende meist Fotos herauskommen, in denen das Weiß nicht so ganz korrekt dargestellt ist, nehme ich in Kauf. Meist enden meine Bilder, wenn ich sie aus der Kamera ziehe, mit einem merkwürdigen Farbstich. Meine Kamera beispielsweise liebt den Blaustich mit einem Hauch lila. Die Automatik meines Bildbearbeitungsprogramms hat genauso eine Weißabgleichsmacke, da werden die Bilder auf „Automatisch“ mit einem ganz merkwürdigen Farbhauch versehen. Also schiebe ich an den Reglern, bis es richtig ist.

Warum mache ich mir die Mühe eigentlich, wird sich jetzt wohl der ein oder andere fragen? Ich könnte ja jetzt auch am Anfang des Fotoshootings den korrekten Weißabgleich ermitteln, den ich dann den Rest der Zeit über stehen lassen kann. Hinterher ist im Grunde mehr Arbeit für mich. (*hüstel* so habe ich das ehrlich gesagt noch nie gesehen…)

Die Antwort ist zweiteilig:
a) Weil ich erst jetzt gerade darauf gekommen bin, dass es im Grunde weniger Arbeit für mich bedeutet, auch wenn es am Anfang aufwändiger ist. (Daher werde ich wohl bei Gelegenheit auch mal den Weißabgleich in der Kamera vorstellen.)

b) Weil der korrekte Weißabgleich nicht immer der richtige ist. Ich erkläre das einmal kurz.

Manchmal will ich den korrekten Weißabgleich gar nicht haben. Wie hier in diesem (erst mal unbearbeiteten) Bild zum Beispiel:

weißabgleich-1

Gut, zugegeben, es ist nicht gerade eines meiner Meisterwerke, aber hier sieht man das, was ich jetzt erklären will, besonders gut. Das Bild ist blaustichig, allerdings ist der Weißabgleich hier korrekt, da das Bild in den Abendstunden entstanden ist, kurz bevor es dunkel wurde – richtig, ausnahmsweise einmal draußen, das mache ich normalerweise eher nicht,aber die Kulisse passte hier so gut. 🙂

Dieses abendliche Licht, d.h. dieses eher kühle, verlöschende Licht fand ich gar nicht so schlecht. Es wird schon recht deutlich, dass es hier um ein gemütliches Sit-In bei Käse und Wein handeln soll, bei dem man die Zeit vergisst. (Kleiner Tipp, wenn ihr in die Toskana fahrt: Kauft richtigen Chianti. Dieser hier in der klassischen Flasche ist nur ein Souvenir und nicht wirklich lecker…, aber das nur am Rande)

Lasse ich nun die Weißabgleichsautomatik meines Bildprogramms drüberlaufen, kommt ein deutlich wärmeres Bild heraus:

weißabgleich-2

Sieht aber auch irgendwie komisch aus, da der Käse und das Brettchen viel zu gelbstichig werden. Anhand des Tuches (das nicht ganz weiß, sondern eher altweiß ist) sieht man aber, dass es in etwa hinkommt, wie mein Rechner das berechnet hat. Wieder einmal haben wir hier zwar den einigermaßen korrekten, aber nicht wirklich richtigen Weißabgleich.

Ich finde schon, dass man hier ganz gut sehen kann, wie wichtig die Bildtemperatur für die allgemeine Stimmung eines Bildes ist. Zwar gefällt mir das übermäßig Kühle des ersten Bildes nicht besonders gut, ganz so blaustichig war die Szenerie auch nicht, wenn ich mich recht erinnere; nur das Gelb des zweiten Bildes lässt gar nicht mehr erahnen, welche Tageszeit gewesen ist. Kann irgendwo gewesen sein, zu irgendeiner Tageszeit.

Was ich jetzt gemacht habe, um wenigstens ein bisschen von der Stimmung zu erhalten, war, dass ich den Weißabgleich komplett falsch gesetzt habe.

weißabgleich-3

Ich habe hier nämlich den Weißabgleich über einen Verlauf festgelegt, unten warm, oben blieb es kühl. Kein Mensch mag in blassen, gelbgrauen Käse reinbeißen, oder? Aber die abendliche Stimmung blieb trotzdem (in meinen Augen) erhalten, da ich das Bild oben kühl gelassen habe. Man muss nur darauf achten, dass es am Ende nicht zu unglaubwürdig wirkt. So habe ich das Bild bekommen, was ich von vornherein vor Augen hatte, obwohl der Weißabgleich, wenn man pingelig sein will, total falsch ist.

Da der Weißabgleich derart wichtig für die Stimmung ist, kann ich hier mit Fug und Recht fordern, dass wir ihm mehr Aufmerksamkeit fordern sollten! Früher habe ich nicht sonderlich darauf geachtet und war zufrieden, wenn es in etwa hinkam. Und heute sehe ich häufig Bilder, bei denen die Fotografen sichtbar ebenfalls nicht darauf geachtet haben – und das sieht man. Gerade bei künstlichem Licht ist es nicht ganz einfach, beim Weißabgleich die Balance zu finden. Es ist pfrickelig, aber wenn ich ehrlich sein soll: Also, wenn man sich schon die Mühe gibt und ein Setup aufbaut, Deko hinstellt, alles liebevoll arrangiert, dann kann man doch auch am Ende dafür sorgen, dass das Foto ebenfalls ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt und auch hier die kleinen Elemente, die nicht ganz stimmen, beseitigt werden – Fusseln. Horizonte. Weißabgleich.

Kategorie Allgemein, Foto-Tipp, Tutorial

Ich bin ausgebildete Verlagskauffrau, promovierte Kunsthistorikerin und inzwischen als Food- und Landschaftsfotografin bei mehreren internationalen Agenturen tätig. Ich habe mich der Fotografie gewidmet, weil kreatives Arbeiten unglaublich wichtig für mich ist und ich keinen Job ertragen könnte, bei dem ich von acht bis fünf am Schreibtisch sitze.

4 Kommentare

    • Mache ich auch, ist eines meiner wichtigsten Werkzeuge. Den Verlauf habe ich in diesem Falle nur angelegt, weil es eine große Fläche war. Wie ich schon sagte: Es ist nicht unbedingt eines meiner besseren Bilder, aber zum Zeigen eigentlich ganz gut.

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen, denn der Weißabgleich ist wirklich eine Sache für sich. Manchmal wünsche ich mir meine gute alte Dunkelkammer zurück, in der ich meine Schwarzweißfotos abgezogen habe. Da gab’s keinen Farbstich – dafür aber wieder andere Problemchen. Die Idee, den Weißabgleich von oben nach unten verlaufen zu lassen, finde ich klasse. Wie heißt die Einstellung dafür im Bildbearbeitungsprogramm?

    • Hallo Karin, ich arbeite mit Lightroom und es nennt sich dort Verlaufsfilter. Hast du Photoshop? Dann könntest du das mit Ebenen lösen: Eine neue Ebene anlegen und in den Werkzeugen den Verlauf anwählen und die Bildebene weich überblenden. Da musst du allerdings mit den Farben ein wenig experimentieren.
      Wenn du jetzt rätselst, von was ich rede, kann ich es dir auch am Telefon mal erklären 🙂

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