Die Sache mit der Komfort-Zone und fünf Tipps, daraus auszubrechen

Letztlich habe ich in meinem Facebook-Stream die Meldung einer Fotografin gehabt, dass sie es gewagt habe, sich außerhalb der “Komfort-Zone” zu bewegen. Fotografisch gesprochen meine ich. Das hat mich ein kleines bisschen ins Grübeln gebracht. Kennen wir das nicht alle, dass wir in unserer “Komfort-Zone” feststecken? Auch fotografisch gesehen: Immer den gleichen Kamerawinkel, immer die gleiche Beleuchtung, den gleichen Aufbau – es funktioniert doch so gut, es kommen immer gute Bilder dabei raus.

 

Ich glaube gar nicht mal, dass es so schlecht ist, in einer Komfort-Zone zu stecken und erst einmal drin zu bleiben. Speziell in der Stockfotografie ist es wirklich kein Drama, öfter ähnliche Bildaufbauten zu verwenden – den Kunden, die nur nach bestimmten Themen suchen, fällt es meist gar nicht auf, da sie natürlich nicht alle Bilder aus dem Portfolio betrachten. Und dann heißt es ja noch “Never change a running system”. Wenn ich einmal meine Bildsprache gefunden habe, die funktioniert – wieso sollte ich das wieder ändern? Schließlich verdiene ich mit der Fotografie meine Brötchen. Zumal das altvertraute Muster wenig Mühe macht – wer ernsthaft im Microstockbusiness ist, weiß, dass diese Art der Fotografie nicht mehr so sehr viel mit Kreativität zu tun hat, sondern eher mit Fließbandarbeit im Hamsterrad. Je mehr Bilder ich mache und je mehr ich hochlade, desto besser stehe ich im Ranking da und desto größer die Chancen, die Bilder auch zu verkaufen. Und schnell Bilder machen geht nur, wenn man eben nicht zu sehr ausprobiert, nicht zu sehr experimentiert, sondern im vertrauten Bereich bleibt. Im Macrostockbereich ist es zum Glück noch nicht ganz so weit.

Einen massiven Nachteil haben Gewohnheiten allerdings: Selbst, wenn sie gut funktionieren, langweilen sie nach einiger Zeit. Mir geht es so. Ich bekomme dann das Gefühl, alle meine Bilder sehen gleich aus. Laaaangweilig. Der Spaß geht verloren. Die Inspiration sowieso. Und doch mache ich beim nächsten Shooting wieder das gleiche Bild. Und wieder. Weil es funktioniert. Das vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Sicherheit vs. Langeweile. Noch einen Nachteil haben Gewohneiten: Sie lähmen. Wenn man nicht dann und wann was total anderes macht, merkt man irgendwann gar nicht mehr, dass man feststeckt. Was tun?

Nun, ich könnte jetzt sagen: Ganz einfach, mach was total anderes! Kann ja nicht so schwer sein?!

Aber doch, das ist es. Es ist ein bisschen das, was Schriftsteller als “Schreibblockade” bezeichnen. Da selbst hinauszufinden, ist manchmal ganz schön anstrengend. Wenn andere einen mit der Nase in die andere Richtung stoßen, ist es schon einfacher.

Als ich vor einiger Zeit auf Anregung der Agentur angefangen habe, hellere Bilder (wahlweise auch: Querformate / mit kleineren Blenden) zu machen, fielen diese mir am Anfang ziemlich schwer. Die dunklen Hintergründe, die ich in die hinterletzte Ecke verbannt habe, waren vertraut. Ich wusste, was dort wirkt und was nicht. Ich wusste, wie ich mit dem Licht umgehen sollte. Bei den hellen Bildern bin ich – so lächerlich es auch klingen mag – aus meiner fotografischen Komfort-Zone herausgegangen. Ich fand sie am Anfang auch vergleichsweise furchtbar. Aber dann… wurden auch diese zur Gewohnheit und – Hey, wer hätte das gedacht? – ich kann jetzt mit beiden umgehen ohne an meinen ach so hässlichen Bildern zu verzweifeln.

Kurz gefasst: Rausgehen aus der Komfort-Zone = Lernprozess.

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Ich denke, das ist jetzt auch keine neue Erkenntnis, dass man aus der Routine ausbrechen kann, indem man sich mit völlig anderen und neuen Dingen beschäftigt. Man muss eben “nur” den eigenen inneren Schlumpf davon überzeugen, dass es gut tut, ein wenig Zeit in andere Projekte zu stecken, auch wenn diese erst einmal unmittelbar nur Zeit fressen oder – noch schlimmer – die Zeit verschlingen, die man eigentlich braucht, um sich seine Brötchen zu verdienen. Erst langfristig gesehen macht es sich bezahlt, aus den Gewohnheiten auszubrechen.

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Hier zum Abschluss noch fünf Tipps, was ihr machen könnt, um die eigene Kreativität wieder ein wenig anzustubsen und wieder mehr Spaß an der Fotografie zu finden. Nichts davon ist neu, aber es ist doch immer wieder gut, an solche Sachen erinnert zu werden:

 

  1. Sucht euch eine neue Location. Ihr fotografiert immer zu Hause? Geht raus, irgendwohin, wo es ungewohnt ist. Ihr fotografiert normalerweise draußen im Grünen? macht Streetfotografie oder baut euch ein kleines Studio zu Hause auf und übt drinnen.
  2. Überlegt gar nicht erst, was ihr fotografieren wollt. Ihr schnappt euch die Kamera, geht raus – irgendwohin, wo es euch interessant erscheint – und führt das 10-Schritte-Programm durch: Ihr sucht euch einen Ausgangspunkt, geht 10 Schritte, sucht ein Motiv, das in Reichweite ist, macht Fotos aus allen möglichen Bildwinkeln, unterschiedlichen Blenden, unterschiedlichen Belichtungszeiten. Danach wieder 10 Schritte, usw.
  3. Als langfristige Lösung: Sucht euch ein ganz neues Thema und arbeitet euch richtig ein. Ich habe kürzlich angefangen, eher mit Stillebenaufbauten statt mit Food zu experimentieren, was doch wieder was ganz anderes ist. Die Fotos sind noch nicht reif zum Zeigen, aber es wird. Demnächst will ich auch – oh Graus! – Menschen fotografieren. Ich brauche nur Opfer… btw.: Wer mag und sich hier im Umkeis von Ludwigsburg befindet und Lust auf ein Fotoshooting mit unsicherem Ausgang hat… Habt keine Scheu, eine Mail an mich zu schreiben  🙂unbenannt-2-2
  4. Eine weitere langfristige Lösung, d.h. die längeres Einarbeiten benötigt ist, sich einer ganz anderen Beleuchtung zuzuwenden. Wer nur im Studio mit kontrollierten Lichtbedingungen arbeitet, kann alles stehen und liegen lassen und sich in die Natural- Light-Fotografie einarbeiten. Umgekehrt natürlich genauso. Auch das ist hier geplant: Ab Herbst, wenn es draußen dunkel wird, soll hier eine kleine Blitzanlage einziehen 🙂
  5. Sucht euch Fotos, die euch gut gefallen und baut sie nach. Kopieren ist eine super Möglichkeit, seine eigenen Kenntnisse zu erweitern, weil das Original nicht auf dem eigenen Mist gewachsen ist. Entweder ihr analysiert alles bis ins Kleinste oder aber ihr baut das Bild aus dem Gedächtnis nach. Was auch immer ihr machen wollt, es wird die fotografischen Fähigkeiten erweitern.

 

Kategorie Foto-Tipp

Ich bin ausgebildete Verlagskauffrau, promovierte Kunsthistorikerin und inzwischen als Food- und Landschaftsfotografin bei mehreren internationalen Agenturen tätig. Ich habe mich der Fotografie gewidmet, weil kreatives Arbeiten unglaublich wichtig für mich ist und ich keinen Job ertragen könnte, bei dem ich von acht bis fünf am Schreibtisch sitze.

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