Allgemein, nachdenkliches

Nachdenkliches: Müssen wir perfekt sein?

Spazierengehen mit den Hunden ist für mich die beste Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen und, wenn ich Glück habe, Ideen zu sammeln. Ich laufe meist nachmittags mit den Hunden eine kurze Strecke, um meine Arbeit nicht zu stark zu unterbrechen. Dabei geht es ins Grüne. Wenn niemand in der Nähe ist, kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Mal an das eine denken, an das andere, grübeln oder auch gar nicht denken. Wenn ich gestresst bin und mir die Welt wieder einmal über den Kopf wächst (Katastrophen! Klimakrise! Umwelt! Faschisten! Amerika! Krieg!… ) helfen das Grün und die frische Luft um mich herum, mich wieder zu erden und nicht konstant an den verrückt gewordenen Nachrichtenzyklus zu denken. Heute musste ich an die Zeit denken, als ich Kunst studieren wollte. Unbedingt. Ich wollte Künstlerin werden.

Weiterlesen: Nachdenkliches: Müssen wir perfekt sein?
Symbolbild (Ich habe auf die Schnelle nichts gefunden, wollte aber illustrieren)

Meine Eltern und meine Umgebung haben es mir zwar nicht ausgeredet, aber mich dringend ermahnt, zuerst einmal “was Vernünftiges” zu lernen. (Wie man am obigen Bild sieht: Zurecht *lol*) Aber darauf will ich gar nicht eingehen. Und nein, es wurden am Ende keine Träume zerschmettert und in den Staub getreten.

Jedenfalls habe ich zwei, drei Kurse besucht. Einen Zeichenkurs, einen Mappenkurs. Ich habe gemalt. Und schleichend, ganz still und heimlich, hat sich ein Gedanke bei mir im Gehirn festgesetzt: Ich will das eigentlich gar nicht! Das ist nichts für mich! Und das, nachdem ich jahrelang geträumt habe, gemalt und gezeichnet habe, und mir nichts anderes vorstellen konnte, als Künstlerin zu sein.

Zunächst aber habe ich meine Zweifel brutal abgewürgt und zwei Mappen abgeliefert: Einmal an die Kunstakademie und die zweite ging an eine Hochschule um Grafikdesign zu studieren. Zum Glück für mich und diese Welt habe ich die Ablehnungen besser hingenommen als ein gewisser österreichischer Pinsler.

Ich war nicht traurig. Im Gegenteil: Ich war insgeheim erleichtert, dass es nicht geklappt hatte. Und ganz ehrlich: Ich hätte mich auch abgelehnt. Die Mappen waren sehr halbherzig zusammengestümpert. (Pssstt…. nicht verraten!)

Wieso ich plötzlich das Gefühl hatte, doch nicht Kunst studieren zu wollen, nicht Künstlerin sein zu wollen und wieso das die richtige Entscheidung war, darauf will ich gar nicht weiter eingehen. Ich bin keine Künstlerin. Ich fühle mich nicht so. Ich mache keine Kunst. Jetzt bin ich aber Fotografin. Es gibt Leute, die wollen mir einreden, dass ich “Kunst” mache – mache ich aber nicht! Ich weigere mich.

Ich fotografiere zwar, aber ich mache keine Kunst, sondern einfach nur Bilder. Ich muss (und will) nicht Künstlerin sein, nicht mega-kreativ sein, sondern kann ruhigen Gewissens meine Kompositionen wiederholen, oder auch, wenn ich mich nicht fit fühle oder ich es eilig habe, nach bewährten Formeln zusammengestellte Bilder fotografieren, bei denen ich weiß, dass der Bildaufbau funktioniert und am Ende trotz allem was Vernünftiges dabei herauskommt. Oder eben kreativer werden, wenn ich Lust darauf habe.

Und das finde ich absolut in Ordnung. Die Frage, die sich mir nämlich gestellt hat, als ich an die längst vergangenen Tage meiner Jugendträume dachte, war: Muss ich überhaupt gut sein? Muss ich die Beste sein?

Im Profibereich: Ja, natürlich! Da sollte man danach streben, sich zu verbessern. Als Fotografin ist das für mich okay, als Kunsthistorikerin auch. Ich lerne gerne Neues dazu. Aber… ich will mich verbessern, weil es mir Spaß macht, aber muss ich mich auf Teufel komm raus permanent verbessern? Muss ich mich verrückt machen, wenn ich, sagen wir mal: einen Baum in der Landschaft fotografiere, nein knipse und das Ergebnis am Ende eigentlich eher 08/15 ist?

Wenn ich diesen einen Baum so fotografiere wie schon Tausende vor mir einen Baum fotografiert haben – muss ich mich dessen schämen? Kann mir das Bild nicht einfach nur gefallen? Kann ich nicht einfach nur Spaß daran haben, mit meinem Handy durch die Gegend zu laufen und schöne Momente festzuhalten? Den tollen Sonnenuntergang, der zwar kitschig und fotografisch komplett anspruchslos ist, der mir aber gefallen hat? Die langweilige Blume, weil jeder Blumen fotografiert, die mir aber gefällt?

Die Sonnenstrahlen, die durchs Fenster scheinen und den Raum plötzlich magischer erscheinen lassen als er ist – aber das Foto, das ich davon gemacht habe, ist schrottig, denn es liegen Sachen herum und das Fenster war nicht geputzt?

Die Aussicht auf den Fluss, die mir gefällt, weil es ein schöner Tag war, aber im Grunde komplett nicht bemerkenswert ist?

Muss ich mich verrückt machen, weil ich oft nicht einmal den Anspruch habe, ein gutes Foto zu machen, sondern einfach nur fotografieren wollte, weil ich den Moment, den Ausblick, die Aussicht in diesem Augenblick festhalten wollte? Jetzt, nach langen Jahren, ist mir klar geworden, dass es mir viel mehr darauf ankommt, Spaß an meinem Hobby zu haben. Ich habe gerne gemalt und gezeichnet, aber mir fehlt die Besessenheit und Begeisterung derjenigen, die für ihre Kunst leben. Ich mache es gerne, aber bin nicht unglücklich, wenn ich nicht malen kann. Ich bin zwar unglücklich, wenn ich gar keine Gelegenheit habe, mich kreativ auszutoben, das schon. Aber ist es ein Weltuntergang, wenn ich in mein Notizbuch kritzele, die Zeichnung krumm und schief ist, ich aber gar nicht den Ehrgeiz habe, mich zu verbessern, weil mir andere Sachen wichtiger sind? Oder in Bezug aufs Kochen: Es reicht doch, wenn es mir gut schmeckt. Ich muss keine Sterne-Küche mit komplizierten Gerichten zaubern, wenn ich keine Lust darauf habe. Klar, kann sein, dass es woanders besser schmeckt. Aber mache ich mich fertig, wenn ich nicht die Beste bin? Wenn es beim nächsten Mal nicht ganz so gut schmeckt wie dieses eine Mal, wo ich – womöglich rein zufällig – alles richtig gemacht habe?

Pasta (Spirelli) with creamy saffron sauce and chives

Noch weiter gedacht: Müssen wir andere kritisieren, weil sie einfach nur Freude am Hobby haben, obwohl sie es nicht können? All die Kleckser*innen, die keine gerade Linie zeichnen können, aber mit größter Begeisterung an die Sache gehen? All die Chorsänger*innen, die keinen Ton halten können, aber ihr Hobby aus Freude an der Sache machen? All die Stricker*innen, die Pullis mit zwei verschieden langen Ärmeln fabrizieren, aber es einfach nur gerne machen ohne den Ehrgeiz, es besser zu machen? Ist es nicht traurig, wenn wir im Konkurrenzkampf darum “der/die Beste” zu sein, die Anfänger*innen entmutigen? Die sich einreden, es “nie zu lernen”, obwohl ihnen einfach nur die Routine fehlt, ja keiner sie zwingt, “besser” zu werden?

Meine Erleichterung ist jedenfalls groß, wenn ich fertig bin, keiner mich bewertet, ich nicht gezwungen bin, es perfekt zu machen und wenn ich irgendetwas anderes machen kann. Ich kann krumme Nähte an meinen Näharbeiten sehen und trotzdem stolz auf mich sein. Ich kann krumme Bilder malen, die einen Fünfjährigen beschämen würden und trotzdem stolz darauf sein (Ich garantiere: Fünfjährige finden meine Bilder toll!). Ich kann ein Bild halb fertig liegen lassen und nach vier oder fünf Monaten wieder daran malen ohne den Druck im Nacken zu fühlen, es überhaupt fertig machen zu müssen. Was soll daran falsch sein? Ein Hobby soll Spaß machen, soll die Freizeit erfüllen. Denn die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass im Ehrgeiz häufig das Spielerische verloren geht. Das Element der Leichtigkeit, des Experimentierens. Des “Mal-Sehen-wohin-das-führt”. Die Begeisterung wird zur Verbissenheit, zum Frust. Nicht, dass Ehrgeiz etwas Schlechtes sein muss, aber meiner Meinung nach sollte man sich aussuchen können, in welchen Bereich man seine Energien investiert, welcher Bereich wichtig genug ist, um Energie, Arbeit, Zeit und/oder Geld zu investieren.

Lasst uns schlampern, murksen, schludern, dilletantisch sein und uns freuen, dass wir wenigstens einen Bereich in unserem Leben haben, wo wir einfach nur ohne jeglichen Druck Spaß haben dürfen.

In diesem Sine: Fröhliches Stümpern!

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert